Reden

Eröffnung der Konstituierenden Sitzung der Gemeindevertretung der Gemeinde Mainhausen durch den Erfahrungspräsidenten Kai Gerfelder, 28. April 2026, Bürgerhaus Mainflingen

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

als Alterspräsident ist es mir eine besondere Ehre, diese Konstituierende Sitzung der Gemeindevertretung zu eröffnen. Mit dieser Sitzung beginnt nicht nur eine neue Wahlperiode, sondern auch ein neuer Abschnitt gemeinsamer Verantwortung für unsere Gemeinde Mainhausen und ihre Bürgerinnen und Bürger.

Die kommunale Ebene ist das Fundament unserer Demokratie. Hier wird Politik nicht abstrakt diskutiert, sondern konkret gestaltet. Hier wird entschieden über Kinderbetreuung, Schulen, Wohnraum, Infrastruktur, Sicherheit und das tägliche Zusammenleben. Und hier erleben die Menschen unmittelbar, ob Politik funktioniert – ob sie zuhört, abwägt und verlässlich handelt. Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen entsteht zuallererst vor Ort – auch und gerade hier in Mainhausen.

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Diese besondere Rolle der Kommunen hat eine lange Tradition. Sie geht zurück auf die Reformideen von Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein, der Anfang des 19. Jahrhunderts die kommunale Selbstverwaltung als tragende Säule eines modernen Staatswesens begründete. Sein Ansatz war revolutionär: Er setzte auf mündige Bürgerinnen und Bürger, die ihre Angelegenheiten eigenverantwortlich regeln. Die Kommune sollte kein verlängerter Arm staatlicher Verwaltung sein, sondern ein eigenständiger politischer Raum, getragen von Engagement, Verantwortungsbewusstsein und Gemeinsinn.

Dieses Prinzip ist bis heute aktuell – und es prägt auch unsere Arbeit hier in Mainhausen. Kommunale Selbstverwaltung bedeutet nicht nur das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie bedeutet auch die Pflicht, Verantwortung zu übernehmen – für das Ganze, für die Gemeinschaft, für den Ausgleich unterschiedlicher Interessen. Sie verlangt die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten und Lösungen zu finden, die tragfähig sind. Und sie lebt vom Vertrauen der Menschen in die Integrität und Verlässlichkeit derjenigen, die hier Verantwortung tragen.
Gerade deshalb kommt uns als gewählten Vertreterinnen und Vertretern eine besondere Aufgabe zu.

Politik, so hat es Max Weber formuliert, verlangt Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein. Sie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Haltung ist wichtig – sie gibt Orientierung und Richtung. Aber ebenso wichtig ist die Bereitschaft, die Folgen des eigenen Handelns zu bedenken, Kompromisse einzugehen und Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen. Kommunalpolitik ist keine Bühne für einfache Antworten. Sie ist ein Ort des Abwägens, des Ringens und des verantwortlichen Handelns – auch hier in Mainhausen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
unsere Arbeit steht auf einem festen Wertefundament. Es gibt keine Alternative zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Sie garantiert Freiheit, Rechtssicherheit und die Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger und darüber hinaus auch aller Einwohnerinnen und Einwohner. Ihr Kern ist im Grundgesetz verankert – allen voran in dem zentralen Satz aus Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Dieser Satz ist mehr als ein rechtlicher Grundsatz. Er ist Ausdruck eines Menschenbildes, das jedem Einzelnen unabhängig von Herkunft, Überzeugung oder Lebenssituation denselben Wert zuspricht. Er verpflichtet uns, respektvoll miteinander umzugehen, Minderheiten zu schützen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern – auch in unserer Gemeinde Mainhausen.

Freiheit und Demokratie sind jedoch keine Selbstverständlichkeiten. Sie müssen jeden Tag neu gelebt, verteidigt und gestaltet werden. Demokratie bedeutet nicht nur Mehrheitsentscheidungen. Sie bedeutet auch den Schutz von Minderheiten, die Achtung von Regeln und die Bereitschaft, andere Meinungen auszuhalten. Sie lebt vom offenen Diskurs, aber auch von klaren Grenzen dort, wo die Grundlagen unseres Zusammenlebens infrage gestellt werden.

Wir erleben auch auf kommunaler Ebene, dass diese Grundlagen und Werte unserer Gesellschaft nicht von allen geteilt werden.

 

Verantwortungsvolles Handeln auch auf kommunaler Ebene ist aber eine Politik, die sich sachlich orientiert, die Probleme ernst nimmt und die Menschen einbindet – ohne die Grundprinzipien unserer Demokratie zur Disposition zu stellen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Mainhausen steht dabei nicht nur vor Herausforderungen, sondern auch an einem besonderen Punkt seiner Entwicklung. Im kommenden Jahr wird unsere Gemeinde 50 Jahre alt – gegründet im Zuge der Gebietsreform. Dieses Jubiläum ist mehr als ein historisches Datum. Es ist Anlass, auf das gemeinsam Erreichte zurückzublicken: auf das Zusammenwachsen der Ortsteile, auf den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur und auf das Engagement vieler Menschen, die Mainhausen zu dem gemacht haben, was es heute ist. Zugleich ist dieses Jubiläum ein Auftrag, die Zukunft unserer Gemeinde auch weiterhin verantwortungsvoll zu gestalten.

Die kommenden Jahre werden uns vor große Herausforderungen stellen. Die heutige Konstituierende Sitzung steht im Kontext von weltweiten Krisen, geopolitischen Spannungen und wirtschaftlichen Unsicherheiten. Diese Entwicklungen haben direkte Auswirkungen auf die Stimmung im Land, die wirtschaftliche Lage, die kommunalen Haushalte und entsprechenden kommunalen Handlungsspielräume.

Die Kommunen stehen gleichzeitig im Zentrum zahlreicher gesellschaftlicher Entwicklungen: steigender Bedarf an Kinderbetreuung und Bildung, die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, die Gestaltung moderner Mobilität, die Anforderungen des Klimaschutzes und der Klimaanpassung sowie die Bewältigung des demografischen Wandels. Gleichzeitig gilt es, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und allen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen – auch und gerade hier in Mainhausen.

Doch und gerade auch unter diesen Rahmenbedingungen liegt es an uns, verantwortungsvoll zu handeln. Wir müssen Prioritäten setzen, sorgfältig mit Ressourcen umgehen und nachhaltige Entscheidungen treffen. Das erfordert Weitsicht, Disziplin und die Bereitschaft, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen – im Interesse unserer Gemeinde Mainhausen.

Dabei wird es entscheidend sein, wie wir miteinander umgehen. Die Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht, dass wir sachlich, respektvoll und lösungsorientiert arbeiten. Unterschiedliche politische Auffassungen gehören zur Demokratie – sie sind Ausdruck von Vielfalt und Wettbewerb der Ideen. Sie sind jedoch nur dort zu akzeptieren, wo sie sich im Rahmen des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant bewegen – also dort, wo das eigene Handeln auch als allgemeines Gesetz für alle gelten könnte und die Würde des anderen unberührt bleibt.

Die kommunale Selbstverwaltung lebt vom Engagement vieler: von den gewählten Vertreterinnen und Vertretern, von der Verwaltung, aber auch von den Mainhäusern selbst – in Vereinen, Initiativen und im Ehrenamt. Dieses Zusammenspiel macht unsere Gemeinde Mainhausen stark und lebendig. Wir machen Politik für alle Menschen, die in Mainhausen leben – für Bürgerinnen und Bürger ebenso wie für alle Einwohnerinnen und Einwohner, unabhängig von Herkunft oder Status.

Lassen Sie uns diese Wahlperiode als gemeinsame Aufgabe verstehen. Lassen Sie uns mit Respekt diskutieren, mit Augenmaß entscheiden und mit Verantwortung handeln. Und lassen Sie uns dabei stets im Blick behalten, dass wir nicht für uns selbst hier sind, sondern für alle Menschen in Mainhausen: und nicht nur diejenigen die uns gewählt haben. Für alle die darauf vertrauen, dass wir ihre Interessen vertreten.

Ich wünsche uns allen für die kommende Zeit eine konstruktive Zusammenarbeit, kluge Entscheidungen und die notwendige Standfestigkeit in schwierigen Fragen.

Vielen Dank.